Paris-Roubaix 2017 – In der „Hölle des Nordens“

Der lang gehegte Traum endlich selbst bei einem Frühjahrsklassiker mitzufahren ging schneller in Erfüllung als gedacht. Natürlich handelt es sich hierbei um die Jedermann-Variante, aber auch hier ist die Herausforderung nicht weniger groß.

Paris-Roubaix sollte es sein. 172km Streckenlänge gespickt mit 29 Kopfsteinpflasterabschnitten, die sich zu einer Länge von 55km kumulieren.

Ambitioniert, aber machbar dachte ich mir mit Eric (einem Teamkollegen) und so meldeten wir uns für das Abenteuer an. Paris-Roubaix wird auch als „Königin der Klassiker“ oder als „Hölle des Nordens“ bezeichnet, was auf Grund seiner zahlreichen Dramen und Geschichten sicherlich nicht untertrieben ist. Wer den Mythos des Rennens verstehen will, muss ihn selbst erlebt haben. Gesagt getan.

Freitag morgen ging es nach Nordfrankreich und nach 8h Fahrt erreichten wir Roubaix. Um das Velodrom war eine Menge Getöse und so sicherten wir uns erst einmal unsere Startunterlagen. Dies ging zügig und daraufhin kundschafteten wir den Ort aus, von dem uns am nächsten Morgen die Shuttle-Busse nach Busigny bringen sollten (die 70km und 140km starteten in Roubaix und die 170km startete in Busigny). Nach einem Einkauf und dem erneuten Besuch des Velodroms, ging es zur Unterkunft in der wir unsere Räder überprüften (Schrauben festziehen, Kette schmieren) und vorbereiteten (Startnummer befestigen). Danach wurde die Kleiderwahl getroffen und präparierten die Trikots mit Startnummer. Der Wetterbericht hielt Temperaturen zwischen 3°C und 15°C und so entschied ich mich für warmes Langarmshirt, Armlinge, Castelli Gabba Trikot und Windveste, kurze Radhose und Beinlinge.

Nächsten Morgen ging es dann mit dem Auto zum Supermarkt, von dem die Shuttle-Busse starteten. Hier standen gefühlte 40 Busse und LKW, welche Fahrer und Fahrräder nach Busigny brachten. Unser Bus war relativ leer und sehr komfortabel und auch mit einer Toilette versehen. Nach 1,5h Wartezeit ging es dann endlich los und wir erreichten den Startort Busigny um 08 Uhr.

Die ersten Kilometer verliefen ereignisarm, auch wenn die Sicht auf Grund des Nebels nicht optimal war und meine Brille schnell mit feinsten Wasserperlen benetzt war. Vom Helm tropfte das Wasser und es war mit 3°C sehr kalt, sodass ich mich erst einmal ordentlich warm fahren musste. Bald darauf folgte der erste Kopfsteinpflasterabschnitt (Troisville), bei dem auch eine elektronische Zeitnahme installiert war. Ich fuhr also mit Dampf in den Sektor und kurz darauf stand ich am Wegesrand und legte meine abgesprungene Kette wieder aufs Kettenblatt (Merke: Immer schön treten). Danach folgten weitere Abschnitt und es machte richtig Spaß die Segmente zu fahren. Ich schwor mir auch selbst keinen der Abschnitte am Rand oder auf der Grasnarbe zu fahren, denn ich wollte ja das volle und pure Erlebnis (dies setzte ich zu 93% um).

O-Ton von mir zu Eric: „Ich glaube ich habe mich verliebt.“ Dieses raue und erbarmungslose Fahren über das geschichtsträchtige Kopfsteinpflaster ist einfach etwas

Ab und an musste man ausweichen, aber insgesamt waren die Pavés relativ frei. Kurz darauf musste ich mich auch der ersten Kleidung entledigen, da die Sonne ihre Wirkung zeigte. Der Wetterbericht sagte Bewölkung voraus, aber hier möchte ich mich keinesfalls beschweren. Lieber einen Sonnenbrand, als sich mehrmals auf nassen Pavés hinzulegen. Eric erwischte leider nicht seinen besten Tag, sodass ich nach den Paves auf ihn wartete und so einige Fotos schießen konnte. Da wir vereinbart hatten „Die Hölle des Nordens“ zusammen zu meistern, hielt ich mich daran. Auch wenn wir im Nachhinein feststellten, dass wir uns gegenseitig manchmal zu schnell oder zu langsam fanden 🙂 . Durchkommen und Ankommen standen jedoch als Ziel deutlich vor Geschwindigkeit und Bestzeit. Die zahlreichen Pavés hinterließen erste Wirkungstreffer und so hatte jeder von uns mit Wehwehchen zu kämpfen. Außerdem kam man gefühlt nicht voran und man schaute manchmal ungläubig auf den Tacho und stellte fest, dass noch nicht einmal die Hälfte geschafft war. Während der Fahrt lernten wir ein paar Fahrer aus London kennen und ich fuhr mit einem der Jungs die Pavés in zügigem Tempo und wir warteten im Anschluss auf unsere Mitstreiter. Unser Fazit: „Man muss die Dinger hart fahren!“

Eric in Aktion

Irgendwann tauchten dann der Förderturm von Arenberg am Horizont auf und Eric und ich wussten, dass wir gleich eine absolute Institution des Radsports durchqueren werden – den Trouée d’Arenberg. Mit 2.400m nicht der längste Abschnitt, aber mit seiner Pflasterqualität einer der schlechtesten auf unserer Strecke. Auch hier gab es wieder eine Zeitnahme und ich fuhr mir zügigen Tempo hinein. Anfangs lief es gut und ich empfand das Pflaster als nicht so schlimm. Dann fand ich mich aber wieder am Straßenrand wieder und ich legte meine abgesprungene Kette erneut auf. Danach war es nicht wirklich schön, da man kein Tempo mehr aufnehmen kann und das Stück relativ langsam fahren muss. Dabei spürt man natürlich jeden Stein und man hat das Gefühl man fährt nicht das Fahrrad, sondern wird vom Fahrrad gefahren. Danach machte sich aber Erleichterung breit, da wir den Abschnitt sturzfrei und gesund überstanden hatten. An den drei Verpflegungspunkten gab es vor allem süße Sachen und die belgischen Waffeln waren mein absoluter Favorit. Auch der Isodrink von Etixx, welcher nach Melone schmeckte war sehr lecker. Leider hat mir ein bisschen was herzhaftes gefehlt, aber ich habe es auch ohne überstanden. Der Rest der Strecke ist schnell erzählt, immer wieder wechselten asphaltierte Abschnitte mit Kopfsteinpflasterpassagen und die Schmerzen wurden immer größer. Irgendwann versuchte ich anders zu greifen, was auch funktionierte, doch rutschte ich nun auf dem Sattel hin und her. Zum Ende der Strecke wartete noch der Carrefour de l’arbre mit einer Länge von 2.100m und 5 Sternen Schwierigkeitsgrad. Für mich persönlich war dieser Abschnitt der schlimmste was die Streckenqualität anging. Eine wirkliche Linie fand ich nicht und so versuchte ich mich durchzukämpfen. Auch hier wurde die Zeit genommen und diesmal sprang die Kette nicht ab. Das hier oft die Rennen der Profis entschieden wurden, kann ich nachvollziehen. Im Anschluss folgten zwei weitere Pavés, welche ich entgegen meiner Vorstellung nun doch auf dem Radstreifen fuhr. Ich hatte schlichtweg keine Lust mehr auf dem Rad durchgescheuert zu werden. Um etwa 17:15 Uhr erreichten wir dann das Velodrom und die Einfahrt mit dem Gefühl die Strecke geschafft zu haben, war wirklich ein unvergesslicher Moment. Im Anschluss bekamen wir unsere Medaille und gönnten uns ein wohlverdientes Bierchen.

Das wir an diesem Tag von der Defekthexe verschont blieben, lag wohl auch an der akribischen Vorbereitung. Ich konnte hier in der Umgebung eine wirklich schlechte Kopfsteinpflasterstraße finden, welche 2km lang ist. Hier konnte ich mein Cyclocrossrad mit 28mm breiten Continental GP 4 Season testen. Ich wickelte zudem doppeltes Lenkerband am Oberlenker. Gefühlt hat das gar nichts gebracht, denn ich habe mit auf der Strecke sehr oft noch mindestens 10 weitere Lagen gewünscht. 🙂 Ansonsten fuhr ich mit ca. 5.5 Bar Luftdruck. Hier wäre meiner Meinung nach noch weniger gegangen, aber wer weiß wie viele Platten man dann gehabt hätte. Ansonsten hielt die Trinkflasche im Flaschenhalter und der Trinkrucksack (Camelbak 1,5l) war die richtige Entscheidung. Die Rixen und Kaum Satteltasche hielt ebenfalls bombenfest, sodass keine Verluste zu verzeichnen sind.


Der Schnitt lag am Ende bei 25,5km und der Durchschnittspuls bei 140 Schlägen pro Minute. Das zeigt mir, dass auf jeden Fall mehr gegangen wäre, aber vielleicht gibt es ja ein Wiedersehen mit der „Königin der Klassiker“. Hier noch der Link zur Strava-Aktivität. Das mit dem Wiedersehen überlegen wir uns auf jeden Fall gründlich, denn zwischenzeitlich fragt man sich schon warum man sich freiwillig so etwas antut. Kein Wunder, dass viele Leute über Radsportler denken, dass diese alle bekloppt sind ^^

Am Sonntag besuchten wir noch das Profirennen im Velodrom. Der Einlass beginnt hier um 13 Uhr und ist kostenlos. Platzwahl = wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Wenn ihr auch plant an der Veranstaltung teilzunehmen, könnt ihr mich gerne nach Details und Informationen fragen. Ansonsten lasse ich jetzt mal die Bilder vom Sonntag sprechen.

 

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5 Kommentare zu “Paris-Roubaix 2017 – In der „Hölle des Nordens“

  1. Hi, schöner Bericht. Tolles Wochenende, was?

    Die Lkws für den Radtransport scheinen ja ganz echt gewesen zu sein. Denke ich richtig, dass man da sein Rad ordentlich auf speziellen Racks hineinhängen konnte?

    viele Grüße,
    Torsten

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