Mecklenburger Seenrunde 2018

„300 Kilometer mit dem Rad?

„Ja.“

„An einem Tag?

„Ja“

„Du bist verrückt!“

So oder so ähnlich verliefen viele Gespräche als ich erzählte, dass ich in diesem Jahr an der Mecklenburger Seenrunde teilnehmen möchte. Knapp 300 km, genau 296 km, sind hier zu bewältigen. Da ich bereits einige Male um die 200 km gefahren bin, ging ich optimistisch in die Veranstaltung.

Am Freitag reiste ich mit dem Auto nach Neubrandenburg und bezog dort meine Unterkunft am Güterbahnhof. Danach machte ich mich zu Fuß auf den Weg zum Start- und Zielbereich und holte meine Startunterlagen ab. Neben der Startnummer mit Transponder, gab es ein paar Werbebroschüren und Kleinigkeiten wie Miniriegel und Minisonnenschutz. Im Anschluss gab es noch lecker Nudeln beim Italiener und ich machte mich gesättigt an die Vorbereitung meines Rades.

Montage der Startnummern an Rad und Trikot, Luftdruck checken, Di2-Akku aufladen und und und. Hier noch eine Aufzählung der Dinge, die ich in meinem Trikot dabei hatte: Powerbank, Ladekabel (fürs Garmin), Handy, 3 Riegel, Luftpumpe, Reifenheber, selbstklebende Flicken und eine kleiner Geldbörse. Nach einer kurzen Nacht klingelte der Wecker um 03:50 Uhr und ich machte mich langsam fertig und begab mich zum Startbereich. Schließlich wollte ich um 05:30 Uhr auf die Strecke gehen. Bei der Fahrt zum Start streikte plötzlich meine elektronische Schaltung, bzw. sie reagierte überhaupt nicht mehr. Panik machte sich breit, doch am Ende war nur der Stecker zur Schaltzentrale lose.

Strecke und Profil der MSR. Wellig trifft es ganz gut.

Am Start wurde schon fleißig moderiert und mir blieb genug Zeit fürs Frühstück. Mehr als einen Riegel und ein halbes belegtes Brötchen bekam ich aber nicht runter. Meine Wechselklamotten gab ich vor Ort ab und der obligatorische Gang aufs WC durfte natürlich nicht fehlen. Nach und nach verließen die Startergruppen (alle 10 Minuten) den Start und ich stellte fest, dass auch eine halbe Stunde mehr Schlaf drin gewesen wäre. Um 05:20 Uhr ging es dann in den Startblock und ein älterer Zuschauer sprach einen schönen Satz, an den ich während des Rennens (eigentlich ist ja kein Rennen) oft denken musste: „Jetzt werden sie aufs Schafott geführt!“. Irgendwie treffend. Dazu gleich mehr. Der Start erfolgte mit Polizeibegleitung, welche uns aus Neubrandenburg heraus begleitete. Meine Schaltung funktionierte unterdessen schon wieder nicht und ich stellte mich auf 300 km Singlespeed ein. Meine Hände waren eiskalt und ich fummelte während der Fahrt an der Steckverbindung rum, was ein Glück funktionierte und die Di2 wieder zum Leben erweckte. Der Wetterbericht sagte für die frühen Morgenstunden Nebel voraus, welcher die Landschaft in eine schöne Szenerie tauchte. Im Tauchgang befand sich auch die Außentemperatur (ca. 8 °C), welche mit dem Fahrtwind für herrlich kalte Finger sorgte. Da ich im kommenden Artikel nicht jeden Kilometer kommentieren will, teile ich das Rennen in drei Phasen, welche das Erlebte bzw. den Verlauf während der Fahrt ganz gut beschreiben und sich immer wieder abwechselten.

Phase 1 – Shut up legs!

Bei einer solchen Runde ist es hilfreich im Windschatten einer Gruppe Kräfte zu sparen und dies tat ich auch einen Großteil der Zeit. Jedoch sollte man hier aufpassen nicht zu überziehen. Gesagt, nicht getan!

Bereits auf den ersten 40 km lagen meine Wattwerte jenseits der Schwelle und die vielen Hügel und Antritte kosteten ordentlich Körner, sodass ich mich entschied am ersten Depot zu halten und kurz durchzuschnaufen. Generell erwischte ich Gruppen, in denen die Ablösungen eher einem Ausscheidungsrennen glichen, als einer 300 km RTF. Vermutlich ritzten sich einige Fahrer Kerben in den Rahmen, um zu zählen wie viele Leute nach der Ablösung abreißen lassen mussten, essen Jagdwurst zum Frühstück und/oder haben im Anschluss noch einen lebenswichtigen Termin. Vielleicht sind die Jungs aber auch einfach gut drauf und können das 300 km durchziehen. Vor allem das wellige Profil (man glaubt es kaum) machte mir zu schaffen und so verabschiedete ich mich aus Vernunft und Schwäche aus der ein oder anderen Gruppe, um Kräfte zu sparen. Schließlich waren ja noch knapp 200 km zu fahren. In Erinnerung blieb mir ein jüngerer Teilnehmer, der versuchte mit quietschender Kette und enormer Anstrengung im Feld zu bleiben. Auf die Frage ob alles ok sei, antwortete er „Ich brauch den Windschatten“. Ich fragte mich darauf hin, welche Strategie die bessere ist. Mit großer Anstrengung über seinem Limit in einer Gruppe mitfahren oder das Tempo drosseln und alleine fahren, bis die nächste Gruppe kommt? Ich entschied mich für die zweite Variante. Am Ende ist der Effekt des Windschattens wahrscheinlich deutlich kleiner, als ständig über seinem Niveau zu fahren. Mental ist das alleine Fahren natürlich nochmal eine andere Hausnummer. Dazu mehr in Phase drei.

Phase 2 – Einklang

Es gab aber auch Gruppen die sehr gut funktionierten und in denen sich regelmäßig abgewechselt wurde. Das Tempo war in Ordnung und meine Wattwerte bleiben im Grundlagenbereich. Hier machte es am meisten Spaß, denn ich kam gut voran, konnte meinen Beitrag im Wind leisten und man konnte sogar ein bisschen plaudern. Leider zerfallen solche Gruppen oftmals an den Verpflegungsstationen, nach deren Besuch ich oftmals alleine losfuhr. Jedem erstmaligen Starter empfehle ich eine solche Gruppe und weise darauf hin, dass es sich oftmals nicht lohnt in einer Gruppe zu bleiben, der man nicht gewachsen ist. Die nächste Gruppe kommt bestimmt, auch wenn es manchmal etwas länger dauert. Die Harmonie wurde meinerseits häufig durch die Depots unterbrochen, von denen ich nur zwei ausließ. Es ärgert mich immer noch, dass ich ausgerechnet das Depot mit der warmen Mahlzeit ausgelassen habe. Von all den äußeren Einflüssen, die einem Radfahrer entgegentreten ist der Wind der Christiano Ronaldo unter den Elementen. Manche hassen ihn (Gegenwind) und manche lieben ihn (Rückenwind). Einklang mit dem Wind, der einen von hinten durch die Felder der Mecklenburger Seenplatte schiebt und die Kilometerzahl schrumpfen lässt gab es auch das ein oder andere mal. Hier machte auch das alleine Fahren Spaß und ich hatte Zeit die schöne Landschaft bei bestem Wetter zu genießen. Die Bilder die auf der Strecke gemacht wurden habe ich mir gegönnt und möchte euch diese nicht vorenthalten.

Phase 3 – Quäl dich du Sau! 

Ich würde lügen, wenn ich sage, dass ich während der 300 km nicht an mein Limit gekommen bin. Vor allem das Fahren ohne Gruppe war körperlich und mental sehr fordernd. Dank meines Powermeters konnte ich den Krafteinsatz ganz ordentlich dosieren, sodass ich am Ende nicht völlig eingebrochen bin. Wenn man aber nach 150 km nicht mehr taufrisch ist und an die nächsten 150 Kilometer denkt, kann das mental schon schwierig sein. Auf einmal merkt man den Hintern und das leichte Zucken in den Waden. Das wellige Profil tut sein Übriges und vor allem die kleinen Rampen kosten Kraft. Normalerweise drückt man hier aufs Pedal und fährt rüber. Bei einer solchen Distanz kurbelte ich aber eher konservativ rüber. In den Bergabpassagen kam ich gut voran, doch die kleinen Hügel bremsten immer wieder. Mit dem Wind hatte ich eigentlich Glück, doch die letzten 20 Kilometer lieferten noch einmal feinsten Gegenwind, schlechte Straßen und welliges Gelände, was mich zu innerlichen Schimpftiraden animierte. Auch Abschnitte mit schlechter Straßenqualität belasteten das Sitzfleisch und die Psyche enorm, denn wer holpert schon gern alleine über eine schlechte Straße. Im Endeffekt muss man sich auch quälen können, jedoch ein vernünftiges Mittelmaß zwischen Qual und Überanstrengung finden. Der Hass auf den Wind, die Straßen und vor allem auf sich selbst („Warum mache ich das hier gerade?“) muss kanalisiert werden und in Watt umgewandelt werden, um erfolgreich anzukommen. Respekt auch an die Teilnehmer die Freitags um 20 Uhr starteten und zeitgleich mit mir ins Ziel kamen. So lange würde ich es niemals auf dem Rad aushalten.

Fazit

Im Endeffekt war es ein tolles Erlebnis und die Strecke ist wirklich schön. Die Helfer an der Strecke waren freundlich und auch die Helfenden an den Verpflegungsstellen waren super. Auch die Ausschilderung war top und man sah auf der Strecke auch häufig Fahrzeuge des Veranstalters. Ein paar Kritikpunkte möchte ich dennoch loswerden. Zum einen finde ich den Preis für das Gebotene viel zu hoch. 150€ sind nicht ohne und die Verpflegung ist bspw. beim Spreewaldmarathon deutlich besser. Bei der MSR gibt es alles was man benötigt. um gut versorgt ins Ziel zu kommen, doch fehlt mir hier das Gewisse extra. An den Depots musste man zum teil anstehen, um sich Wasser zu holen. Das hätte man sicher auch besser lösen können. Auch die Tatsache, dass man im Ziel kein alkoholfreies Hefeweizen bekommt, sondern „nur“ ein normales Radler fand ich nicht so gut. Und warum die Portion Nudeln im Ziel 7€ kostet verstehe ich auch nicht.

Sportlich lief es gut, auch wenn ich im Ziel beim Entgegennehmen der Medaille vor Anstrengung zitterte. Mein Garmin streikte leider ca. 20 Minuten womit knapp 8 km der Strecke fehlen. Ich schaffte es aber die Strecke unter 10 Stunden zu bewältigen und fuhr einen Schnitt von 31,4 km/h. Der Durchschnittspuls lag bei 141 Schlägen/Minute und ich erbrachte eine gewichtete Leistung von 206 Watt. Die folgende Abbildung zeigt, wieviel Zeit ich in den jeweiligen Trainingsbereichen verbracht habe. Das Ziel den Großteil in Zone 1 und Zone 2 zu verbringen klappte ganz gut. Wichtig ist, dass man sich nicht übernimmt und sich die Kräfte einteilt, um am Ende nicht komplett einzubrechen. Essen und Trinken ist elementar und sollte auch bei der Fahrt in der Gruppe nicht vergessen werden.

Verbrachte Zeit in den Wattbereichen.

 

Jetzt steht erst einmal die Regeneration im Vordergrund. Noch einmal werde ich eine solche Distanz sicher nicht alleine angehen. Vielleicht finden sich ja irgendwann mal ein paar Teammitglieder, die sich der Herausforderung stellen möchten. 200 km sind echt in Ordnung, aber 300 km sind nochmal eine andere Hausnummer. Mit der richtigen Krafteinteilung und der richtigen Gruppe ist es aber machbar, denn es geht vor allem ums Ankommen und nicht um eine Bestzeit. Speziell vorbereitet habe ich mich eigentlich nicht. Die Teilnahme am Spreewaldmarathon (190km) und ein paar RTF mit 110 km waren eine gute Grundlage. Im Endeffekt ging ich mit 2.200 Trainingskilometern in die Herausforderung.

Die Strava-Aktivität findet ihr hier.

 

 

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